Michael Graen Naturwaren biologische Baustoffe
Michael Graen
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Nanotechnologie - Ebenso vielfältig wie gefährlich
Bei Bekannten zu Besuch - mal eben auf die Toilette und dann das:
plötzlich heftige Kopfschmerzen, Atemnot, Husten, Schüttelfrost...
Das ist kein Horrorgemälde! Längst ist es wieder von den allermeisten
KonsumentInnen der Mainstream-Medien vergessen, weil seit April
2006 nicht mehr daran gerührt wurde. Doch damals wurde in
Deutschland das erste Desaster mit einem Nano-Produkt bekannt. Der
Discounter Penny verkaufte Sprays mit den wunderversprechenden
Namen 'Magic Nano Bad- und WC-Versiegeler' und 'Magic Nano Glasund
Keramikversiegeler'. Nach offiziellen Angaben wurden Dutzende
Menschen verletzt. Bei einzelnen der Opfer wurden "toxische
Lungenödeme" diagnostiziert. Symptome wie heftige Kopfschmerzen,
Atemnot, Hustenanfälle und Schüttelfrost hatten die KonsumentInnen
der Nano-Produkte veranlaßt, Hausarzt oder Klinik aufzusuchen.
Alles deutet jedoch darauf hin, daß die in den Produkten enthaltenen
Nano-Partikel - nur Millionstel Millimeter klein - in die Lunge der
AnwenderInnen gelangten und in den Lungenbläschen den
Sauerstofftransport blockierten. Die Partikel haben möglicherweise
auch die Funktion des Alveolar- und Bronchialgewebes in der Lunge
und damit den Sauerstoff- bzw. Feuchtigkeitsaustausch gestört.
Atemnot und in schweren Fällen die Ansammlung von Wasser in der
Lunge - also: Lungenödem - waren die Folge. Manche kommentierten
in diesen Tagen arrogant: "Na ja, wer so bescheuert ist, solches Zeug
zu kaufen, ist selber schuld..." Allerdings sollten diese Superschlauen
dann in Zukunft auch das Bad von Bekannten oder öffentliche Toiletten
meiden.
Die Verunglimpfung als "Bedenkenträger" zeigte schon in den letzten
Jahren Wirkung: Weder Verbraucherschutzorganisationen, noch die
Stiftung Warentest oder auch das Ökotest-Magazin hatten vor dem
April 2006 vor Nano-Produkten gewarnt. Der überstürzten Einführung
solcher Produkte stellte sich niemand in den Weg. Die ungehemmte
Gier nach Profit scheint sich einmal mehr gegen Besonnenheit und
Vorsicht durchzusetzen.
Anfang April erneuerte die internationale Vereinigung kritischer
WissenschaftlerInnen ETC ihre bereits im Jahr 2003 erhobene
Forderung nach einem globalen Forschungs-Moratorium der
Nanotechnologie und dem Rückruf aller Konsumwaren, die
Nano-Partikel enthalten. ETC weist darauf hin, daß Partikel in der
Größenordnung von 70 Nanometer lungengängig sind, solche mit
weniger als 50 Nanometer ungehindert in Zellen eindringen und
Nano-Partikel mit weniger als 30 Nanometer die Blut-Hirn-Schranke
passieren können.
Angeblich sollen die beiden Magic-Nano-Sprays das Leben leichter
machen. Die winzigen Partikel in der Größenordnung von Nanometern
gleichen die Unebenheiten in Glas und Keramik aus und machen
Flächen unempfindlich gegen Schmutz und Feuchtigkeit. Doch daß
diese Teilchen beim Versprühen auch eingeatmet werden können,
bereitete dem Produzenten, der Kleinmann GmbH aus
Baden-Württemberg, offenbar keine Sorgen.
Schon wenige Stunden nach dem Verkaufsstart bei Penny liefen bei
den Giftinformationszentralen (GIZ) Berichte über akute Vergiftungen
ein. Soweit bekannt ließen die Beschwerden nach 12 bis 18 Stunden
nach. Und voreilig heißt es bereits, es habe niemand bleibende
Schäden davongetragen. Zumindest zwei schwangere Frauen
benutzten die gefährlichen Nano-Sprays.
Die Giftinformationszentrale Nord und die Behörden verschiedener
Bundesländer warnten bereits am 28. März vor den gefährlichen
Nano-Sprays - mit mäßigem Erfolg. Die Mainstream-Medien berichteten
zögerlich und verharmlosend. "Trotz intensiver Bemühungen der
Behörden brachten weder die heute-Sendung des ZDF um 19 Uhr noch
die Tagesschau der ARD um 20 Uhr die Warnung", kritisiert Prof. Dr.
Manfred Edelhäuser, der für Lebensmittelüberwachung zuständiger
Dezernent im baden-württembergischen Ministerium für Ernährung
und Ländlichen Raum. Erst am 29. März wurde die Warnung
angemessen verbreitet.
Mitte Oktober letzten Jahres warnte die Umwelt-Organisation BUND die
VerbraucherInnen vor dem Kauf der Waschmaschine 'Silver Nano
Health System', die von 'Media Markt' angeboten wurde. Hersteller ist
die schwedische Firma Samsung. Laut BUND sind die in der Maschine
enthaltenen Nano-Silber partikel, die als Waschverstärker wirken
sollen, noch nicht ausreichend auf ihre Umwelt- und
Gesundheitsrisiken hin getestet worden. In Tierversuchen hatte sich
jedoch bereits gezeigt, daß Silberpartikel in Nanogröße die
Entwicklung von Nervenzellen stören und giftig auf Leber- und
Geschlechtszellen wirken können. "Ungeachtet der Wissenslücken
bewerben Samsung und Media Markt die neue Waschmaschine als
besonders gesundheitsfreundlich und für Allergiker und Schwangere
geeignet", kritisiert der Umweltverband.
Und der stellvertretende BUND-Vorsitzende Helmut Horn kritisierte:
"Wieder einmal werden durch eine neue Technologie Heilsversprechen
verbreitet und die Augen vor möglichen Risiken verschlossen.
Trotzdem werden Nanopartikel ohne jegliche Kontrolle verbreitet. Dem
muß dringend ein Riegel vorgeschoben werden."
Durch den Gebrauch der Waschmaschine gelangen beträchtliche
Mengen von Silber-Ionen ins Abwasser und in den Boden. Als
hochwirksame Biozide können sie Bakterien abtöten, die in
biologischen Kläranlagen eingesetzt werden, und so die
Abwasserreinigung empfindlich stören. Außerdem tragen die Partikel
zur Silberbelastung des Klärschlamms bei, der anschließend nicht
mehr zur landwirtschaftlichen Düngung geeignet ist. Auf Lebewesen im
Wasser wirken sich Nano-Silberpartikel giftig aus.
Die 'Badische Zeitung' beispielsweise berichtete kürzlich einmal über
Nanotechnologie. Doch weder das Desaster mit den Nano-Sprays,
noch die Umwelt-Gefährdung durch Nano-Waschmaschinen wurde
thematisiert. Wie in den Mainstream-Medien üblich wird sich ein
pseudo-kritisches Mäntelchen umgehängt, indem in einem Nebensatz
darauf hingewiesen wird. Die Gefahren sind bislang noch zu wenig
erforscht. Indirekt kommen naive LeserInnen so zu der Erkenntnis, daß
es noch keinerlei Erkenntnisse über Gefahren gäbe.
Auch im Bereich von Medizin und Lebensmitteln verspricht die
Nano-Technologie eine Revolution. Vermutlich stellen sich die in den
entsprechenden Forschungssparten euphorisierten
WissenschaftlerInnen dabei keine Revolution mit Todesopfern vor.
Doch die science-fiction-artigen Verheißungen blenden und die nötige
Vorsicht wird vernachlässigt. Die Zukunftsvisionen im Bereich der
Medizin versprechen neuartige Nano-Arzneimittel, die sozusagen in
winzige U-Boote verpackt werden und so im Körper nicht mehr auf die
Blutbahn angewiesen sind. Die Medikamente sollen dann direkt in
betroffene Körperzellen eindringen, etwa in Tumor-Gewebe. Neue
Krebstherapien seien denkbar.
Und auch Lebensmittel sollen mit Nano-Partikeln ganz neue
Eigenschaften erhalten. Während ein Sterbenskranker wohl nicht lange
zögern würde, ein innovatives nanotechnologisches Medikament
einzunehmen, um sein Leben zu retten, stellt sich die Frage, inwieweit
ein Gesunder Nanofood wirklich braucht. Es weiß niemand so genau,
wie der menschliche Organismus auf regelmäßig zugeführte
Nanopartikel reagiert, ob sie auf Dauer die Umwelt schädigen oder den
Stoffwechsel anderer Lebewesen aus dem Lot bringen können. Klar ist
nur, dass Partikel die heikle Eigenschaft besitzen, mit abnehmender
Größe immer toxischer zu werden.
Doch die industrielle Produktion läuft bereits in vielen Bereichen auf
Hochtouren. Und sie wird - ähnlich wie bei der Atomtechnologie in den
1950er- und 1960er-Jahren mit sogenannten Forschungsgeldern
hochgepäppelt. Allein in Deutschland hat die Nano-Forschung bereits
1,3 Milliarden Euro an öffentlichen Fördergeldern erhalten, teilte das
Forschungsministerium auf Anfrage mit. Das ist mehr als über das
EEG-Gesetz den erneuerbaren Energien zufließt. Übrigens wird auch
weiterhin die Atomindustrie Jahr für Jahr mit über 7 Milliarden Euro
subventioniert.
Neben der Gentechnologie wird die Nanotechnologie als
Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts propagiert. Euphorische
Prognosen sagen allein Nano-Nahrungsmitteln bis 2010 einen
20-Milliarden-Dollar-Markt voraus - von vergleichsweise mageren 2,6
Milliarden im Jahr 2003 über sieben Milliarden für 2006. 1,13 Billionen
Euro sollen es für die gesamte Nano-Technologie sein, mit der etwa
4000 Firmen und Forschungseinrichtungen weltweit befaßt sind. Mehr
als 200 Unternehmen arbeiten derzeit an Nano-Nahrungsmitteln, vor
allem in den USA, in Japan und China, aber zunehmend auch in
Europa. Die Großen der Branche wie HJ Heinz, Nestlé, Hershey Foods,
Unilever und Keystone gehören zu den Pionieren; Chemiefirmen wie
Degussa, Henkel und Bayer haben sich längst als deren Partner
etabliert. Als erster Industriekonzern errichtete Kraft im Jahr 1999 ein
Labor für Nanofood - mittlerweile befaßt sich das ebenfalls vom
Kraft-Konzern ins Leben gerufene Konsortium NanoteK, an dem 15
Universitäten und nationale Forschungseinrichtungen der USA beteiligt
sind, mit der Entwicklung von nanotechnologischen Verfahren für die
Lebensmittelbranche. In Deutschland sind derzeit ungefähr 150
Nanoprodukte auf dem Markt, davon nur eine Handvoll im
Lebensmittelbereich. Meist handelt es sich um Beschichtungen, die
Graffitis an Fassaden oder Schmutz an Fenstern und Pfannen abperlen
lassen, die ein Verkratzen von Brillen und Uhrgläsern verhindern oder
die das Ansiedeln von Krankheitserregern an Oberflächen unterbinden.
Neben dem BUND warnt auch die Securvita-Krankenkasse vor der
bedenkenlosen Verbreitung von Nanotechnologie: "Wir rufen
Verbraucherzentralen, Umweltverbände und Krankenversicherungen
dazu auf, sich mit der Nano-Technologie und ihren Folgen intensiv
auseinanderzusetzen. Die Einführung einer Risiko-Technologie, der ein
Marktvolumen von 100 Milliarden Euro vorhergesagt wird, erfordert
einen klaren rechtlichen Rahmen und eine offene Akzeptanz- und
Risiko-Debatte. Es darf keinen Goldrausch auf Kosten der Gesundheit
geben!"
Allerdings sind die "revolutionären" Eigenschaften der
Nano-Technologie tatsächlich faszinierend. Nano-Partikel können eine
eigene, explosive Dynamik entfalten. Je winziger die Teilchen, desto
aktiver und rätselhafter werden sie. Sie entfalten Eigenschaften, die die
Stoffe in der "normalen" Welt nicht haben. Das beinhaltet aber auch die
Gefahr, daß sie giftig für den menschlichen Organismus sein können,
noch viel agressiver als die Partikel im Dieselruß und Feinstaub.
Gold zum Beispiel ist normalerweise chemisch inaktiv. Goldpartikel in
Nanogröße jedoch werden plötzlich reaktionsfreudig. Und
Aluminiumoxid, das wegen seiner inerten Eigenschaft gerne in der
Zahnmedizin verwendet wird, kann - zermahlen zu Partikeln im
Nanobereich - spontan explodieren. Es wurde daher bereits als
potentieller Raketentreibstoff getestet.
Die Nano-Revolution findet bisher weitgehend im Verborgenen statt.
Eine Reihe von Nano-Produkten wird schon hergestellt, aber die
VerbraucherInnen läßt man meist im Dunkeln tappen. Eine
Hinweispflicht wie bei Zusatzstoffen, Lebensmittelchemie oder wie
teilweise bei der Gentechnik gibt es nicht. KritikerInnen befürchten,
daß die Nano-Technologie schleichend eingeführt wird, um eine
kontroverse öffentliche Debatte wie bei der Gentechnik zu vermeiden.
So wie bereits heute die Chemie dazu benutzt wird, aus Sägespänen
Erdbeerarmoma herzustellen, um geschmacklosen Billigfraß
aufzupeppen, kann bald auch die Nonotechnologie - mit noch viel
weitreichenderen Zauberkunststücken zur Täuschung der
VerbraucherInnen eingesetzt werden. Beispielsweise sollen
unerwünschte Geschmacksstoffe mithilfe von Nano-Partikeln umhüllt
werden, so daß sie beim Verzehr nicht mehr wahrgenommen werden
("Geschmacksmaskierung"). Andere, erwünschte Geschmacksstoffe
können so "verpackt" werden, daß sie sich nacheinander oder erst
nach einer bestimmten Garmethode entfalten.
Nano drängt in die Supermärkte, doch die Branche frönt der
Heimlichkeit. Nanofood ist noch kein Thema für die Öffentlichkeit, und
so lärmt die Werbung nicht, wie sonst üblich. Debattiert wird auf
Fachtagungen und brancheninternen Seminaren, Expertengespräche
finden meist im engen Kreis auf Messen statt - man ist unter sich.
Nanotechnologisch veränderte Produkte werden hypersensibel
"kommuniziert", denn aus der Sicht der nahrungsmittel-Industrie ist
der Stachel "Genfood" im Fleisch der KonsumentInnen doch gerade
erst dabei, sich zu verkapseln.
Wer sich intensiver mit diesem Thema beschäftigen möchte, dem sei
das Buch "Die Joghurt-Lüge" empfohlen. Untertitel "Die
unappetitlichen Geschäfte der Lebensmittelindustrie".
Erschienen im Campus-Verlag.
Marita Vollborn und Vlad D. Georgescu, die das Buch zusammen
verfaßt haben, bekannten übrigens: Nachdem sie so intensiv
recherchiert hatten, entschlossen sie sich beide, sich nur noch mit
Lebensmitteln aus dem Bioladen zu versorgen.
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